Unter ungewohnten Umständen blicken wir zurück auf unsere Aktivitäten in der Corona-Zeit – und stellen Fragen für die Zukunft

Das 40. Rundgespräch fand erstmals unter Corona-Bedingungen im Stadtsaal statt [Autor: Jan Doria]

Rund 40 Interessierte hatten sich schließlich angemeldet zu unserem 40. Rundgespräch am 23. Juli 2020 um 19:30 Uhr, dass „ohne Corona“ schon das 43. gewesen wäre und dank einer Sondergenehmigung der Stadt zum ersten Mal im eigentlich noch gesperrten Stadtsaal abgehalten wurde. Als geladener Gast war Oberbürgermeister Frank Kunz (CSU) zugegen, der uns für unser Engagement dankte und uns eindringlich bat: „Machen Sie weiterhin dafür Werbung, dass die Flüchtlinge sich auch mit einbringen. Wir brauchen mehr Sylvester!“ Kunz nahm damit Bezug auf einen nigerianischen Flüchtling dieses Namens, der sich bei der Dillinger Feuerwehr engagiert und als gut integriert gilt.

Klagen über „Bürokratismus“

Doch nicht in allen Fällen ist die Lage so rosig, wie aus den Ausführungen unseres 1. Vorsitzenden und Koordinators, Georg Schrenk, hervorging. „Von ihrer Kultur her sind es die Flüchtlinge nicht gewohnt, gewisse Einladungen anzunehmen“. Hier sei auch nach Jahren immer noch eine Begleitung durch Ehrenamtliche nötig.

Georg Schrenk beim 40. Rundgespräch [Autor: Jan Doria]

Oft scheitere die Integration jedoch nicht an der mangelnden Bereitschaft der Flüchtlinge, sondern am „Bürokratismus“, so Schrenk. „Natürlich haben wir viel geschafft. Wir hatten in Dillingen vor Corona eine bayernweit rekordhohe Zahl an Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung“. Als anschauliches Beispiel für die anstehenden Herausforderungen nannte Schrenk den Dauerbrenner „Passbeschaffung“. Flüchtlinge sind nach der geltenden Rechtslage dazu verpflichtet, zu ihrer „Identitätsklärung“ beizutragen. Das bedeutet: Sie müssen, wenn sie nicht als Flüchtlinge anerkannt sind, auf die Botschaft ihres jeweiligen Heimatlandes und dort einen Pass beantragen. Was sehr leicht klinge sei aber oftmals unzumutbar, kritisierte Schrenk: „Was soll ich denn sagen, wenn die syrische Familie vor mir sitzt und sagt: ‚Wenn ich heute zur Botschaft gehe, dann muss ich damit rechnen, dass meine Eltern, die noch in Damaskus leben, abends Besuch vom Geheimdienst bekommen‘?“.
Und selbst wenn es die Sicherheitslage zulässt, die Heimatbotschaft aufzusuchen, so antworte diese oftmals nicht. „Ich habe Briefe geschrieben – Einschreiben mit Rückantwort – keine Antwort. Und wenn man da anruft, dann braucht man Durchhaltevermögen. Dann muss man halt den ganzen Tag alle ein bis zwei Stunden anzurufen versuchen, bis endlich mal jemand rangeht“.
Doch auch der deutsche Staat sei ausbaufähig, kritisierte Schrenk unter Verweis auf die Bescheide des JobCenters. „Es gibt Flüchtlinge, die bekommen fünf Bescheide an einem Tag. Mich wundert noch, dass die Behörden nicht oben die Uhrzeit drauf schreiben, damit man sie besser ordnen kann“.

Harte Einschnitte durch Corona

Schriftführer Franz Brichta kontrolliert die Einhaltung der Corona-Vorschriften, während die 1. stellvertretende Vorsitzende Cornelia Kügel-Merkel sich die Hände desinfiziert [Quelle: Jan Doria]

Schriftführer Franz Brichta kontrolliert die Einhaltung der Corona-Vorschriften, während die 1. stellvertretende Vorsitzende Cornelia Kügel-Merkel sich die Hände desinfiziert

Zu all diesen Sorgen kam im ersten Halbjahr 2020 auch noch Corona dazu. „Ich weiß, dass manche Eltern während der Corona-Zeit nicht in der Lage waren, ihre Kinder zu unterstützen“, mahnte Schrenk. „Für mich waren während Corona die Ärmsten in den Ankerzentren und den Gemeinschaftsunterkünften (GUs)“. Die Dillinger Flüchtlingshelfer hatten sich, zusammen mit anderen Organisationen in Bayern, vergeblich bei der Staatsregierung dafür eingesetzt, die viel zu engen Massenunterkünfte gemäß den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts zu evakuieren.

Die Corona-Pandemie traf auch die zahlreichen Aktivitäten des Vereins. Projekte wie der Nachhilfeunterricht, das Kindersingen in der GU, der Frauentreff oder der Arabisch-Unterricht wurden vorübergehend eingestellt und werden nun nach und nach je nach Bedarf und Corona-Lage wieder hochgefahren. Dennoch waren wir auch während des Lockdowns via E-Mail, WhatsApp und einer eigenes eingericheten Website mit den Flüchtlingen in der Stadt in Kontakt und gab unter anderem mehrsprachige Zusammenfassungen der jeweiligen Corona-Verordnungen weiter – die Bayerische Staatsregierung sah auch hier erst sehr spät Handlungsbedarf. Nun, da zahlreiche Veranstaltungen wieder erlaubt sind, kündigte Schrenk an, so bald wie möglich das lange angekündigte Rundgespräch mit Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan durchführen zu wollen.

Fachkräftemangel unter Flüchtlingshelfern

Sorgen macht uns jedoch nach wie vor der Nachwuchsmangel. Unter unseren Vereinsmitgliedern befinden sich besonders viele Angehörige der Risikogruppe. Deswegen wurde vorgeschlagen, erneut Infoveranstaltungen in den Schulen der Region durchzuführen, um junge Helfer zu gewinnen, beispielsweise als Nachhilfelehrer. Der Vorstand werde diesen und alle weiteren eingegangenen Vorschläge wohlwollend prüfen, kündigte Schrenk an. Gegebenenfalls sei der Verein nach einem Beschluss des Vorstandes auch bereit, bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen eine Ehrenamtspauschale zu bezahlen. Interessierte finden unter hier weitere Informationen.

Dillingens Oberbürgermeister Frank Kunz auf dem 40. Rundgespräch

„Corona ist nach wie vor da“, mahnte OB Kunz zum Abschluss dieses ungewöhnlichen Rundgesprächs, das wohl eine Übergangsphase in der Geschichte der Flüchtlingshilfe in Dillingen markiert. Wir hoffen sehr, dass eine zweite Welle ausbleibt – die Folgen nicht nur für die Integration wären dramatisch.

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