Fröhliches Kindersingen und -spielen

Integration geht weiter: Auch während der Corona-Pandemie ist unser Verein aktiv, so gut es eben geht. Manche Herausforderung ist neu – andere belasten die Helfer schon seit Jahren. Ein Lagebericht.

„Jetzt gibt es doch nichts mehr zu tun mit den Flüchtlingen, die sind doch schon so lange hier!“. Ein Satz, den Georg Schrenk, fünf Jahre nach dem „Schicksalsjahr“ 2015, nicht mehr hören kann. Nicht nur, dass es nach wie vor kein europäisches Asylsystem gibt, wie die jüngsten Zusammenstöße an der türkisch-griechischen Grenze zeigten: Auch vor Ort in Stadt und Landkreis Dillingen ist die Arbeit noch lange nicht getan.

Corona-Prävention auch für Flüchtlinge

Mit der neuesten Herausforderung konnte keiner rechnen: Die Corona-Pandemie zwang die Unterstützergruppe „Asyl/Migration“ Dillingen a.d.D. e.V., alle öffentlichen Veranstaltungen der nächsten Wochen abzusagen, darunter auch das 40. Rundgespräch mit MdL Stephanie Schuhknecht und die Anti-Rassismus-Mahnwachen in Höchstädt. „Aber das Leben geht weiter“, erklärt Georg Schrenk. Momentan sorge sich sein Team am meisten um die hygienischen Bedingungen in den Unterkünften. „Dort leben zum Teil in einem Raum von 30 m² Familien mit bis zu sechs Personen!“ Auch bei denjenigen Flüchtlingen, die inzwischen in angemieteten Wohnungen in der Stadt verteilt leben, sehe die Lage nicht unbedingt besser aus.
Hinzu kommt: „Wir haben Flüchtlinge, in deren Herkunftsländern Epidemien und Katastrophen häufiger auftreten als bei uns“. Gerade diese Menschen müssten aber für die Bedeutung der Schutzmaßnahmen besonders sensibilisiert werden. Die Flüchtlingshelfer haben deswegen reagiert und in Absprache mit dem Gesundheitsamt und unter Berücksichtigung der Anordnungen der Bayerischen Staatsregierung Hinweiszettel in den Unterkünften verteilt. Diese Informationen sind auch online verfügbar, ergänzte unser Medienbeauftragter Jan Doria. Hier können sie in Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch abgerufen werden. „Innerhalb von nicht einmal 48 Stunden wurde diese Seite über 130 Mal aufgerufen, so oft wie in so einem kurzen Zeitraum noch kein anderer Beitrag auf unserer Website“, so Doria.

Kampf gegen Windmühlen

Doch Corona ist nicht alles. „Don Quijote hatte leichtes Spiel im Vergleich zu dem Kampf, den wir manchmal gegen die Windmühlen der Bürokratie führen müssen“, sagt Schrenk. Schon unzählige Male haben die Flüchtlingshelfer die staatlichen Stellen zu Verbesserungen aufgefordert, auf öffentlichen Veranstaltungen, in Briefen und Protestschreiben. Allein: Es will wohl keiner hören, vor allem in München nicht. „Scheinbar muss erst Corona kommen, damit sich etwas ändert. Die Flüchtlingskrise wäre keine Krise, wenn man mehr über Lösungen nachdenken würde anstatt nur über Probleme“, glaubt Schrenk.

Der Hindernislauf um den Botschaftsbesuch

Bis zum Ausbruch der Corona-Krise erlebte er es noch jede Woche in seiner Sprechstunde, nun versucht er, seine Arbeit via Telefon, WhatsApp und E-Mail fortzusetzen.
Sie kommen aus dem ganzen Landkreis: Flüchtlinge mit Bescheiden von Kindergeldkasse und Jobcenter, die selbst für Einheimische kaum zu verstehen sind. Familien, deren neugeborene Kinder keine Geburtsurkunde erhalten, obwohl ihnen diese laut UN-Kinderrechtskonvention zusteht. Oft können die Eltern nur die Urkunden einer Religionsgemeinschaft vorweisen, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Und zu guter Letzt: die sogenannte „Passbeschaffung“, zu der alle Flüchtlinge mit subsidiärem Schutzstatus sowie alle Geduldeten grundsätzlich verpflichtet sind. Was in der Theorie einfach klingt, wird in der Praxis oft zum Spießrutenlauf, insbesondere für Eritreer und Syrer. Beide haben Angst davor, die diplomatischen Vertretungen ihrer Herkunftsländer aufzusuchen, aus Furcht vor Repressionen in der Heimat – Eritrea ist eine Militärdiktatur, die vor allem Fahnenflüchtige schwer bestraft, und in Syrien herrscht Assad. Selbst wenn die Botschaft oder das Generalkonsulat aufsuchen, kann es vorkommen, dass sie nicht vorgelassen werden. Und selbst wenn sie vorgelassen werden, so verlangen beide Staaten die Zahlung einer Steuer bzw. hoher Gebühren und Eritrea zusätzlich die Abgabe einer „Reueerklärung“. Die Steuer ist für die Flüchtlinge, insbesondere, wenn sie nicht arbeiten dürfen, nicht immer bezahlbar, und selbst wenn, so wissen die Syrer genau, dass sie mit ihrem hart erarbeitenden Geld den Krieg Assads gegen seine eigene Bevölkerung finanzieren würden. Und das wollen sie nicht.

Der Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie hat also nicht nur eine inländische, sondern auch eine ausländische Seite. „Der deutsche Verwaltungsstaat muss sich erst noch an die Tatsache gewöhnen, dass die Verwaltung in anderen Teilen dieser Welt oftmals weniger leistungsfähig ist oder schlicht nicht existiert“, ergänzt dazu Doria, der selbst schon in sogenannten „Entwicklungsländern“ gelebt, gearbeitet und mit der dortigen Bürokratie gekämpft hat. „Wenn Sie da einen Antrag stellen und die Behörde lehnt Ihren Antrag ab, dann bekommen Sie keine ausführliche Begründung dafür und keine Rechtsbehelfsbelehrung. Dann ist das einfach so“.

Keine „Identität“ = keine Arbeit

Ein aktuelles Beispiel dafür ist ein Flüchtling aus Eritrea, stellvertretend für so viele andere. Im Alter von drei Jahren verließ er mit seiner Mutter sein Heimatland, erst in Richtung Äthiopien, dann in den Sudan. Nach dem Tod der Mutter schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er sich auf den Weg nach Libyen machte. Die Wundmale an seinem Körper zeugen heute noch von der Behandlung im dortigen Gefängnis. In Europa angekommen, wurde sein Asylantrag sowohl vom BAMF als auch vom Verwaltungsgericht negativ beschieden. Weil Eritrea aber eine Militärdiktatur ist, lassen die Gerichte nur Abschiebungen in andere afrikanische Staaten zu – vorausgesetzt, der Flüchtlinge verfügt über Personaldokumente. Diese würde er sich gerne besorgen – aber alle Bemühungen dazu, auch die der Helfer, scheiterte. Das Generalkonsulat von Eritrea in Frankfurt ließ ihn nicht vor.

Ohne „Identitätsklärung“ aber auch keine Arbeit. „Unser Mann kann und will seinen Lebensunterhalt selbst verdienen“, erklärt Schrenk. „Er hat – aus eigenem Antrieb! – Deutsch gelernt und mittlerweile mit unserer Hilfe das Niveau B1 erreicht“. Das entspricht den Englischkenntnissen eines Gymnasiasten in der Mittelstufe. Mehrfach konnte er diese Kenntnisse schon im Sozialbereich, beispielsweise bei Regen Wagner, unter Beweis stellen. Dort werden Arbeitskräfte gesucht. „Jetzt aber sitzt er in seiner Unterkunft und wartet auf eine Lösung, die nicht zu erwarten ist“. Ja, die Helfer seien sich bewusst: Wer keinen Anspruch auf Asyl hat, muss wieder gehen. „Aber ihn wird kein afrikanischer Staat je aufnehmen wollen“, schränkt Schrenk ein. Wenn dann einer gut integriert sei, Deutsch könne, schon lange hier ist und arbeitswillig sei: Könne man dann nicht im Namen der Menschenwürde eine Ausnahme machen? „Die von der Politik so hochgelobten Lösungen wie das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sind dazu leider nicht hilfreich!“

Sicher ist, das nichts sicher ist

Egal, welchen Schutzstatus sie nun haben: Die meisten Flüchtlinge blicken mit großer Sorge in ihre Heimat. Insbesondere die aus Syrien. Verwandte leben im Raum Idlib oder in grenznahen Lagern in großer Not; das Leid war auch ohne Pandemie mit den Corona-Einschränkungen, die es aktuell in Deutschland gibt, schon kaum zu vergleichen. In Damaskus herrscht immer noch von Putins Gnaden der Menschenschlächter Assad, der Krankenhäuser bombardieren ließ und dessen Geheimdienst weiter Angst und Schrecken verbreitet. Flüchtlinge aus Afghanistan müssen mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen, dass der jüngst in Katar beschlossene „Friedensschluss“ keineswegs zum Frieden führt. Den offiziellen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes und der Einschätzung zahlreicher internationaler Organisationen, die das Land allesamt als „nicht sicher“ einstufen, zum Trotz schiebt Bayern auch Nicht-Straftäter dorthin ab. Zu einem offiziellen Abschiebestopp konnten sich die Behörden auch in Zeiten der Corona-Pandemie noch nicht hinreißen, kritisiert Schrenk. „So trägt jede Ethnie ihre Last und hofft auf eine Zukunft bei uns, gerade, wenn sie schön längere Zeit hier sind. Bemerkenswerterweise hofft aber auch eine nicht geringe Zahl an Syrern darauf, dass sich die Lage in ihrem Land endlich wieder normalisiert und sie in ihre Heimat zurückkehren können“.

Frauen, Familie und Kinder

Zu den Veranstaltungen, die der Verein wegen der Corona-Krise vorübergehend einstellen musste, gehören der Frauentreff und der Arabisch-Unterricht für Kinder. „Wir werden beide Projekte sicher fortführen, sobald es wieder möglich ist“, gibt sich Georg Schrenk zuversichtlich. Doch worum geht es genau?

„Sehr viele Frauen sind daran interessiert, die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung und Familienplanung kennen zu lernen und umzusetzen“, berichtet Barbara Brüning, die ehrenamtliche Leiterin des Frauentreffs. Beim Frauentreff konnten die Frauen unter sich in geschützter Umgebung über spezielle Themen sprechen, darunter Verhütung und Sexualität – aber auch über die Sorgen des Alltags wie Arbeit, Ausbildung, Schule, Anerkennung von Qualifikationen und Religion. „Besonders wichtig ist uns der Austausch auf Augenhöhe“, so Brüning. „Wir haben Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen dabei, die uns Erfahrungen aus ihrem reichen Leben mitteilen. Davon profitieren wir alle“.

Aufmerksame Blicke beim Arabisch-Unterricht in der Berufsschule Höchstädt

Und wofür braucht es nun „Arabisch-Unterricht für Kinder“? „Weil viele Kinder mehr Deutsch sprechen als Arabisch“, erklärt Brüning, die als Referentin für Mehrsprachigkeit das Projekt interessiert verfolgt. „Gut Deutsch zu sprechen, ist richtig und wichtig für den Schulerfolg. Aber Arabisch ist die Muttersprache der Familien aus Syrien“. Über die Muttersprache vermittelten sich Gefühle, aber auch Traditionen und kulturelle Identität – und die Religion. „Alle syrischen Familien, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, stehen im Kontakt mit ihren Familienangehörigen in Syrien und weltweit. Sich innerhalb der Familien in der Muttersprache verständigen zu können, ist daher für alle Familienmitglieder existenziell wichtig“. Außerdem verwende das Arabische eine andere Schrift als das Deutsche. Deswegen brauchen die zweisprachig aufwachsenden Kinder Unterstützung, so die Expertin: „Mündlich wird Arabisch als Muttersprache in der Familie meistens früh erworben, tritt dann aber zugunsten des Deutschen in den Hintergrund. Um die Sprache lebendig zu erhalten und um die dazu gehörige Schrift zu erlernen braucht es den zusätzlichen Unterricht“. Die Unterstützer freuen sich deshalb, dass es dank der Hilfe von Landrat Leo Schrell und arabischen Muttersprachlern bis vor der Krise möglich war, einmal pro Woche zwei Stunden Unterricht für bis zu 60 Kinder in den Räumen der Höchstädter Berufsschule anzubieten. Die Initiative ging dabei von den syrischen Familien selbst aus.

Licht am Ende des Tunnels?

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Die Flüchtlingshelfer ziehen ein ermutigendes Fazit. „Selbstverständlich gibt es auch Leuchttürme wie die vier jungen Menschen, die in Deutschland ihren Schulabschluss gemacht haben und jetzt studieren, dazu die vielen, die bereits in Ausbildung oder in Arbeit stehen“, berichtet Schrenk. Auch den Kindern falle die Integration leichter; oft unterstützen sie ihre Eltern als Dolmetscher. Und: Die Ehrenamtlichen erleben, wie sie mit anderen Kulturen in Kontakt kommen und neue Dinge kennenlernen. „Natürlich würden wir uns jederzeit mehr Helfer wünschen“, meint Schrenk. „Aber die Kontakte, die zu Freundschaften geworden sind, sind entschädigen für die Rückschläge und Enttäuschungen“.

Nachtrag vom 30. März 2020: Medienberichten zufolge wurden die Afghanistan-Abschiebungen mittlerweile ausgesetzt.

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