Bundespräsident Steinmeier bei seiner Rede in Yad Vashem [Quelle: wikimedia.com, Autor: kremlin.ru]

Bundespräsident Steinmeier sprach in Yad Vashem von der nie endenden Verantwortung der Deutschen für den Holocaust. Doch wie weit reicht diese? Reicht sie auch bis zu den Verfolgten von heute? Ein Kommentar.

Es geht in diesem Text nicht darum, die Singularität des Holocausts in Frage zu stellen. Es geht auch nicht darum, das größte aller Menschheitsverbrechen mit anderen Menschheitsverbrechen zu vergleichen. Tote gegen Tote aufzurechnen. Sondern es geht darum, zu fragen, wo die deutsche Verantwortung am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz liegt. Und ob Deutschland dieser Verantwortung gerecht wird.

„Unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht. Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen. Hier in Yad Vashem sagen wir heute gemeinsam: Nein zu Judenhass! Nein zu Menschenhass!“ Diese Worte sprach Frank-Walter Steinmeier am 23. Januar 2020 als erster deutscher Bundespräsident in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, eine Rede, die schon jetzt als die wichtigste seiner Amtszeit gilt. Leider verzichtete Steinmeier darauf, den Inhalt und den Umfang dieser „Verantwortung“ genauer zu definieren. Doch 1949 verpflichtete sich das deutsche Volk, die „Würde des Menschen“ zu „schützen und zu achten“, und 1990 bekräftigte es in der Wiedervereinigung dieses Versprechen. Es muss folglich in erster Linie an denjenigen Menschen gemessen werden, die heute in Deutschland leben.

Unser Land befindet sich in der historischen Situation, dass Menschen, verfolgt von den Übeln und den – auch von uns verursachten! – Ungerechtigkeiten dieser Welt hier Schutz und Zuflucht suchen. Wie gehen wir mit diesen Menschen um?

Die Tagesschau erinnerte vor wenigen Tagen an die Geschichte dreier belgischer Widerstandskämpfer, die auf eigener Faust rund 200 Juden vor der Fahrt in die Vernichtung retten konnten. Eine mutige Heldengeschichte. Was ist jedoch mit den Fluchthelfern, oft langgediente Ehrenamtliche, von heute? Sie müssen sich von einem deutschen Innenminister als „Anti-Abschiebe-Industrie“ verunglimpfen lassen, obwohl sie mit ihrer Arbeit kein Geld verdienen.

Selbstverständlich können wir nicht alle 70 Millionen Menschen aufnehmen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind. Doch wir können menschenwürdig umgehen mit denjenigen, die zu uns gekommen sind. Wenn 75 Jahre nach dem Holocaust ein Flüchtling in Deutschland Zuflucht sucht, dann ist er bestenfalls ein „Asyltourist“ (Markus Söder) und schlimmstenfalls ein „Messermann“ (Alice Weidel). Aus panischer Angst vor möglichen Straftätern und vor einer wieder erstarkenden neuen Rechten schrecken deutsche und vor allem bayerische Politiker nicht davor zurück, unschuldige Menschen aus dem Klassenzimmer heraus nach Afghanistan abzuschieben; ein Bürgerkriegsland, das von zahlreichen internationalen Stellen wie dem UNHCR als „nicht sicher“ eingestuft wird. Das Auswärtige Amt selbst warnt die weißen Deutschen vor Reisen nach Afghanistan, aber nicht-weiße Flüchtlinge scheint man ohne Probleme dorthin abschieben zu können. Ist ihr Leben nicht genauso viel wert? Passen diese Taten zu den Worten von Yad Vashem?

Yad Vashem [Quelle: flickr.com, Autor: Gary Todd]

Selbst wer in einer Kirche Zuflucht sucht oder in Deutschland den Weg zum christlichen Glauben gefunden hat, kann sich nicht sicher fühlen. Das BAMF lässt Glaubensprüfungen durchführen, bei denen es die Konvertiten frägt: „Martin Luther ist eine wichtige Person im Evangelium. Was wissen Sie über ihn?“. Es soll sich nur ja keiner das Recht auf Asyl „erschleichen“ können. Noch mal zum Mitschreiben: Martin Luther lebte rund 1500 Jahre nach der Abfassung des letzten Buches der Bibel. Er wird dort mit keinem Wort erwähnt. Warum glaubt der deutsche Staat im Jahr 2020 denjenigen, die religiös verfolgt werden, die Geschichte ihrer Verfolgung nicht? Passen diese Taten zu den Worten von Yad Vashem?

In Gelsenkirchen lösen deutsche Polizisten gewaltsam ein Kirchenasyl auf. In Bayern muss der Flüchtlingsrat einen kleinen Volksaufstand veranstalten, damit ein gläubiger Christ nicht nach Afghanistan abgeschoben wird, in den sicheren Tod. Hat er nicht auch ein Recht auf Leben? Passen diese Taten zu den Worten von Yad Vashem?

Von deutschen Politikern wird gerne betont, muslimische Flüchtlinge müssten sich vom Antisemitismus ihrer Herkunftsländer lösen und die historische deutsche Verantwortung für den Holocaust und für Israel begreifen lernen. Das ist uneingeschränkt richtig. Doch die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalistin Charlotte Wiedemann wies in ihrem jüngst erschienenen Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ noch auf einen anderen Zusammenhang hin:

Die Traumata der anderen sind unter uns, sie sitzen auf Schulbänken und in Hörsälen. Wir können sie als nicht-weiße Traumata bezeichnen, was nichts mit der Hautfarbe der Betroffenen zu tun hat. Sie befinden sich nur außerhalb jenes Rahmens von Exklusivität, den wir um die Opfer der Shoah gezogen haben. Die Kinder syrischer Flüchtlinge haben das Schreckliche, was sie erlebten, tief in ihren Herzen vergraben. Das Schuldgefühl, überlebt zu haben, kann es nicht auch den syrischen Jungen quälen, der sah, wie seine kleine Schwester vor Lesbos im Meer ertrank?

Warum wird die Flüchtlingskrise als „Krise“ wahrgenommen und nicht als Chance? Als Chance, Menschen neu zu begegnen. Als Chance, jene Versöhnung zu erreichen, die wir uns wünschen. Als Chance, jene Verantwortung zu praktizieren, die wir der Welt versprochen haben. Warum passen diese Taten nicht zu den Worten von Yad Vashem?

Hinweis:

Dieser Kommentar ist eine persönliche Meinungsäußerung des Autors. Er entspricht daher nicht zwangsläufig der Meinung der Unterstützergruppe „Asyl/Migration Dillingen a.d.D.“ e.V. als Ganzes oder der ihres Vorstandes. Der Autor möchte anonym bleiben.

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