Flüchtlingskinder lernen sehr schnell Deutsch als Zweitsprache, haben aber auch ein Recht auf ihre Muttersprache [Archivbild]

Unsere Unterstützergruppe richtete in diesen Tagen zum ersten Mal einen Arabischkurs für Flüchtlingskinder ein. Warum einen Arabischkurs, fragen sich so Manche, wenn die Kinder sich doch integrieren und Deutsch lernen sollen? Unsere Autorin meint: die Muttersprache darf nicht unter den Tisch fallen. BARBARA BRÜNING ist Sonderschullehrerin für Sprachheilpädagogik mit langjähriger Praxiserfahrung als selbständige Sprachtherapeutin und arbeitet derzeit als freie Fortbildungsreferentin im Forschungsprojekt „Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen“ der Universität Eichstätt. Ein Gastbeitrag für alle, die beim Spracherwerb unterstützen möchten.

Dillingen ist bunter geworden. Die geflüchteten Mitmenschen beleben unser Stadtbild, unterschiedliche Kulturen bereichern das Zusammenleben.

Der größte Teil der Kinder aus Flüchtlingsfamilien wächst nun in einer mehrsprachigen Familiensituation auf. Obwohl die meisten erwachsenen Flüchtlinge an Sprachkursen teilnehmen, kommunizieren sie in der Familie und im Bekanntenkreis in der Sprache ihres Herkunftslandes. Die Muttersprache der Kinder aus Flüchtlingsfamilien ist in Deutschland also eine Minderheitensprache, die in Kindertageseinrichtungen und Schule sowie im Alltag eine im besten Falle besondere, meistens aber gar keine Rolle spielt.

Die Kinder, die bei uns aufwachsen, lernen Deutsch. Es stellt sich die Frage, wie die Eltern und Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützt werden können. Welchen Rat können ehrenamtliche Betreuer und Betreuerinnen, aber auch Wohlmeinende, Erzieher und Erzieherinnen geben?

Viele Kinder aus Familien mit Fluchterfahrungen werden in Deutschland geboren. Diese Kinder erwerben gleichzeitig oft sowohl ihre Muttersprache als auch die deutsche Sprache im Rahmen ihrer natürlichen Sprachentwicklung. Man spricht hier vom simultanen Erst – und Zweitspracherwerb.

„Zweisprachig zu sein bedeutet, für den eigenen Lebensweg breitere persönliche Orientierung und berufliche Chancen mitbekommen zu haben.“

Dr. Wolfgang Wendlandt, Professor emeritus für Psychologie mit Schwerpunkt Sprache und Kommunikation an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin

Was also sollten wir dazu wissen?

  • Sprache ist nicht allein das, was wir hören, sondern auch das, was durch die Haltung, den Tonfall und den Gesichtsausdruck vermittelt wird. In jeder Sprache gibt es ganz unterschiedliche sprachbegleitende Gesten, welche die Bedeutung des gesprochenen Wortes unterstreichen. So werden Regeln in den Kulturen ganz verschieden gehandhabt. Dazu gehört, wie das Gegenüber angeschaut wird oder ob die Augen im Gespräch gesenkt werden. Eben diese kleinen Zeichen sind sehr wichtig für ein gelingendes Gespräch.
  • Mit dem Erwerb der Muttersprache eignet sich das Kind Gestik, Mimik, Sprachmelodie, Sprechrhythmus und begleitende Körperbewegungen auf natürliche Art und Weise an. Diese Feinheiten, die die Sprache begleiten, können nur in der Muttersprache vermittelt werden.
  • Ebenso ist die Muttersprache die Sprache der Gefühle, des Ausdrückens von Selbstverständnis, Identität und Echtheit.
  • Sprechen die Eltern mit dem Kind in der Muttersprache, geben sie ein vollständiges und reichhaltiges Sprachvorbild und die Sprachentwicklung schreitet zügig voran.

Die meisten Kinder besuchen ab ca. zwei Jahren die Kindertageseinrichtungen. Damit bekommen neue Sprachvorbilder stärker Gewicht. Die Erzieher und Erzieherinnen geben ein gutes, der Entwicklung angemessenes Sprachvorbild und die gleichaltrigen oder etwas älteren Kinder bringen die Kommunikation voran. In für das Kind wichtigen Situationen beim Spielen, beim Singen, beim Essen und so weiter werden auf natürliche Art Deutschkenntnisse erworben.

Beim Erwerb der Zweitsprache greift das Kind bereits auf die erworbenen sprachbegleitenden Fähigkeiten wie Gestik, Mimik, aber auch das Hören auf Betonung und Sprachmelodie, der Muttersprache zurück. So ist die Entwicklung der Muttersprache eine unentbehrliche Voraussetzung für den störungsfreien Zweitspracherwerb.

Eltern aus Migrationsfamilien bekommen oft den Rat, mit ihren kleinen Kindern Deutsch zu sprechen oder die Kinder deutsche Kindersendungen im Fernsehen anschauen zu lassen. Sicher ist es gut, wenn die Kinder spüren, dass auch die Eltern sich um die deutsche Sprache bemühen. Aber als Sprachvorbild sollte die Muttersprache dienen, die an Korrektheit, Vielfalt, Tiefgründigkeit und Ausdrucksstärke der neu erlernten deutschen Sprache überlegen ist. Deswegen raten wir als Sprachpädagogen und Sprachwissenschaftler, die sich mit dem Thema Zweitspracherwerb befassen, den Eltern, mit ihren Kindern in der Sprache zu sprechen, die sie am besten beherrschen. Das ist in der Regel die Muttersprache.

Fernsehsendungen sind vom Sprachstil eher nicht entwicklungsangemessen, weswegen kleine Kinder oft einfach den Bildern folgen, aber vom Sprachangebot nicht profitieren können.

Die Wissenschaft hält Fernseher für wenig hilfreich, wenn es darum geht, wie Flüchtlingskinder Deutsch lernen [Autor: Clemens v. Vogelsang, Quelle: flickr.com – CC-BY 2.0]

Die Wissenschaft hält Fernseher für wenig hilfreich, wenn es darum geht, wie Flüchtlingskinder Deutsch lernen

Im Dialog oder im Spiel mit den deutsch sprechenden Begleitern und Begleiterinnen, können die Kinder ein gutes sprachliches Vorbild bekommen, von dem sie sehr profitieren.

Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Kinder gut in der Lage sind, sehr früh zu unterscheiden, mit welchem Personenkreis sie welche Sprache sprechen und sich den entsprechenden Input dort abholen. Welche Ressource!

Günstig für den gelingenden Spracherwerb:

  • Eine Person – eine Sprache
  • Viel Kontakt und Gesprächsmöglichkeiten mit guten Sprachvorbildern, sowohl in der Muttersprache, als auch in der Zweitsprache
  • Stärkung der muttersprachlichen Entwicklung

Anders sieht der Zweitspracherwerb bei Schulkindern aus. Hier wird die deutsche Sprache meist systematisch in der Schule und mit gleichaltrigen deutschsprachigen Peers gelernt. Auch hier gilt: Ein gutes Sprachvorbild, eine wertschätzende Haltung der Muttersprache gegenüber und viel Kontakt wirken sprachfördernd.

Der Rat wäre hier:

  • die Freude am Sprechen stärken
  • Inhalt geht vor Form – was gesagt wird ist wichtig, nicht wie es gesagt wird.
  • Korrekturen sollten stattfinden in Form der verbesserten, bestätigenden Wiederholung. Wir zeigen dem Kind, dass wir verstanden haben, was es uns sagen möchte und wiederholen das Gesagte in der korrekten Form.
  • Viele Sprechanlässe, Kontaktmöglichkeiten und Dialoge bereitstellen
  • Sprechen über Sprache „wie ist das bei euch“, Bedeutungen vergleichen, Laute vergleichen, Satzbau besprechen und vergleichen....
„Ist Mehrsprachigkeit nun die Ausnahme? Genau umgekehrt! Weltweit gesehen ist eher die Einsprachigkeit der Sonderfall und nicht die Regel“.... „die moderne Sprachwissenschaft geht davon aus, dass die Menschheit überwiegend mehrsprachig ist. Selten ist das jedoch einsprachigen Eltern, Erzieherinnen, Lehrerinnen oder Familienangehörigen bewusst.“

Elke Burkhardt Montanari, „Wie Kinder mehrsprachig aufwachsen“. Die Herausgeberin ist Sprachwissenschaftlerin, leitet Fortbildungen und Seminare und ist Mitglied des iaf- Verband binationaler Familien und Partnerschaften.

Kontakt zur Autorin: sprache.bruening[at]t-online.de

Für weitere Fragen, Informationen oder weiterführende Literatur steht die Autorin gerne zur Verfügung. Empfehlenswert ist auch der ZEIT-Artikel https://www.zeit.de/2019/33/mehrsprachigkeit-fremdsprache-muttersprache-kinder-linguistik und die Hinweise des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik.

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