Mauerabschnitt der Berliner Mauer an der Gedenkstätte Bernauer Straße [Autor: Jan Doria]

Wahrscheinlich ist es der politische Wunschtraum der Neuen Rechten in aller Welt: Warum können wir nicht einfach eine hohe Mauer bauen, und dann hat sich das erledigt mit der Flüchtlingskrise?!! John Lanchester erfüllt seinen Lesern diesen Traum – ohne die menschlichen Kosten zu verschweigen. Eine Rezension von JAN DORIA.

Negative Zukunftsversionen, von der Fachwelt "Dystopie" genannt, sind nie leicht zu lesen und funktionieren doch immer gleich. Der Autor nimmt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in der Gegenwart auf, übersteigert sie und projiziert sie auf eine mehr oder weniger nahe Zukunft, mit dem Ziel, eine Warnung auszusprechen: Noch ist es nicht zu spät! Legt den Schalter noch rechtzeitig um!

Mit dem Roman „Die Mauer“ gelingt es John Lanchester, zwei der bestimmenden Phänomene unserer Zeit zu einem Werk verbinden: den Klimawandel und die Massenmigration vom globalen Süden in den globalen Norden. Fehlt nur noch die Digitalisierung. Dabei unterschlägt Lanchester zwar, wie so viele, dass die größten Migrationsbewegungen innerhalb der sogenannten „Entwicklungsländer“ stattfinden, aber das spielt in seinem Buch keine Rolle: denn diese sind längst vor den steigenden Meeresfluten überschwemmt worden. Es bleibt: die Flucht in den reichen Norden, nach Großbritannien, das sich rechtzeitig mit einer „Nationalen Küstenverteidigungsbefestigung“ vor den Fluten schützen konnte.

Das ganze Szenario erinnert beängstigend an die uns Deutschen wohlbekannte Berliner Mauer (Lanchester ist in Hamburg geboren), mit dem einzigen Unterschied, dass sich die Gewehrläufe dieses Mal nicht nach innen auf die eigene Bevölkerung richten, sondern nach außen, auf den Feind. So, wie es sein soll.
Im Zentrum des Buches steht ein junger Rekrut, Kavanaugh, der vom Aufstieg in die sogenannte „Elite“ träumt, die mit Flugzeugen über die Mauer düst – und in Wirklichkeit doch unten auf der Mauer hocken muss, im „Kältebetonhimmelwasser“, um seinen zweijährigen Pflichtwehrdienst abzuleisten. Es sind die Träume eines jungen Erwachsenen, der den größten Teil seines Lebens noch vor sich hat. Oder das zumindest glaubt.

Von den einen zu den andern

Nachbau des ehemaligen Todesstreifens an der Berliner Mauergedenkstätte Bernauer Straße [Autor: Jan Doria]

Wer sich mit Mauern gegen Flüchtlinge verteidigen will, und eben das verschweigt Lanchester nicht, braucht jemanden, der auf der Mauer sitzt und schießt (auch, wenn unklar bleibt, warum in einer hochtechnologisierten Zukunft keine Selbstschussanlage ausreicht). Mehr noch, die zukünftige Gesellschaft dieser Dystopie hat dermaßen Angst vor den „Anderen“ (eine geschickte begriffliche Anleihe am Begriff des „Anderen“ aus den Cultural Studies), die aus dem Meer über die Mauer kommen, dass sie zu Maßnahmen greift, die heute noch undenkbar erscheinen, aber in einer Zukunft vielleicht nötig sein werden: für jeden Anderen, der es über den „Schutzwall“ schafft, wird ein Verteidiger aufs Meer verbannt. Egal, ob er den „Durchbruch“ dieses Anderen zu verantworten hat oder nicht. Der Andere dagegen wird vor die Wahl gestellt, eingeschläfert oder zurückgeschickt zu werden – oder lebenslang als „Dienstling“ zu schuften (ganz ohne Einwanderung lässt sich also auch in der Zukunft die Wirtschaft nicht am Laufen erhalten). Einmal gelingt es dem Helden Kavanaugh, einen Dienstling zu fragen, wie die Ursache für die Mauer, die im Buch nur „Wandel“ genannt wird, in seiner Landessprache heißt. Die Antwort: Kuishia – das Ende. Der Leser denkt an den Völkermord, den er mit seinem Lebensstil bereits heute an den Menschen der „dritten Welt“ begeht, und bleibt mit einem schalen Nachgeschmack zurück.

Am Anfang geht alles gut, doch aus dem harmlosen Training wird bald bitterer Ernst. Kavanaughs Mauerabschnitt wird gestürmt und er selbst in einer Nussschale auf das Meer verbannt. Einziger Unterschied zu den Flüchtlingen heute: die britische Kriegsmarine ist so großzügig, ihm und seinen Mitverbannten Wasser- und Lebensmittelvorräte für einige Wochen mitzugeben. Das Spiel soll ja auch Spaß machen. Der Verteidiger wird zum Angreifer, der weiße Priviligierte wird zum weißen Ausgegrenzten. Eine typische Strategie, die auch den Leser mitnimmt, der sich bisher eher mit den von Flüchtlingen angegriffenen Briten als von den Briten um ihre Lebensgrundlage beraubten Flüchtlingen identifizieren konnte.
Erst an dieser Stelle erfährt der Leser den Vornamen Kavanaughs: Joseph, und damit wird die Anspielung auf den „Joseph K.“ von Kafka offenkundig: der Held als unschuldig Verurteilter. Dies gleich im doppelten Sinn, denn zum einen kann Kavanaugh nichts für den Mauerdurchbruch – der beruht auf einem grausamen Verrat – und zum anderen betont Lancaster über das gesamte Buch hinweg, dass auch die Schuld am Klimawandel nicht mehr seine Generation zuzuschreiben ist: diese Schuld gebührt seinen Lesern. Also uns.

Versöhnungsdenkmal an der Berliner Mauergedenkstätte Bernauer Straße [Autor: Jan Doria]

Es soll an dieser Stelle nicht verraten werden, wie der Roman endet. Nur eines noch: draußen, auf dem Meer, erfährt Kavanaugh in der Begegnung mit dort ebenfalls schiffbrüchig gewordenen anderen Anderen, wie viel Sinn dieses Wort doch macht:

„Ich war dazu erzogen worden, nicht über die Anderen nachzudenken, jedenfalls nicht in Bezug auf die Frage, wo sie herkamen. Man hatte mir beigebracht, all das zu ignorieren – sie waren eben einfach nur Andere. Aber vielleicht waren sie ja jetzt, da ich einer von ihnen war, keine Anderen mehr? Wenn ich ein Anderer war und sie Andere waren, dann war vielleicht keiner von uns mehr ein Anderer, sondern wir waren stattdessen einfach nur ein neues Wir. Es war verwirrend.“

Die mit brachialer Gewalt aufrecht erhaltene Fiktion zwischen Herrenmenschen und Dienstlingen, in der Begegnung mit dem „Anderen“ bricht sie auf einen Schlag zusammen.

Eine Schwäche hat das Buch: es bietet keine Lösung an. Denn wir können nicht alle aufnehmen. Das ist aber auch nicht die Aufgabe einer Dystopie. Sie will warnen, nicht lösen. Die Lösung für unsere Probleme von heute, die müssen wir schon selber finden. Bevor es zu spät ist.

Hinweis:

Die in dieser Rezension geäußerten Positionen stellen nicht zwangsläufig die Meinung der Unterstützergruppe „Asyl/Migration Dillingen a.d.D.“ e. V. oder ihres Vorstandes dar.

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