Wer hat Angst vor dem Islam?

Moschee in Dubai [Author: Jan Doria]

Vor ca. 15 Jahren wurde in Dillingens Grundschulturnhallen noch ein Spiel gespielt, das heute als rassistisch gilt: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Das Spiel ging so: die gesamte Schulklasse stellte sich auf einer Seite der Hallenwand in einer Reihe auf – die gesamte Klasse, bis auf einer. Dieser eine musste auf die andere Seite der Turnhalle laufen. Von dort rief er laut: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Seine Mitschüler auf der anderen Seite antworteten dann: „Niemaaand!“, und beide Seiten rannten aufeinander los. Wer sich vom schwarzen Mann „fangen“ ließ, wurde in der nächsten Runde selbst zu einem solchen.

Heute, so scheint es, wird dieses Spiel in ganz Deutschland gespielt, in einer neuen Variante: „Wer hat Angst vor dem Islam?“. Und die Antwort lautet allzu oft: „Alle!“. Ein Essay von JAN DORIA.

Der Islam in Deutschland: eine heterogene Minderheit mit überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit

Rund 6 % der deutschen Bevölkerung bekennen sich nach einer Schätzung der Islamkonferenz zum muslimischen Glauben. Genauere Zahlen gibt es nicht, denn „der“ Islam ist keine anerkannte Religionsgemeinschaft. Die Details sind fortgeschrittene Statistik, zumal in der Forschung stark umstritten ist, wie „Religiosität“ überhaupt definiert und gemessen werden soll.
Diese Zahl wird, das zeigen Umfragen, von der Bevölkerungsmehrheit regelmäßig überschätzt. Es handelt sich bei der muslimischen Bevölkerung also um eine heterogene Minderheit, die in den Medien überproportional viel Aufmerksamkeit erregt.

Begegnung zweiter Welten

"Wer glaubt, dass das „christliche Abendland“ bedroht wäre, tut gut daran, statt Pegida-Demonstrationen öfters mal den Gottesdienst zu besuchen."

Warum ist das so? Der Geschäftsführer von Matteo – Kirche und Asyl e.V., Stephan Theo Reichel, brachte auf dem 25. Rundgespräch eine ungewöhnliche Erklärung für die Konflikte zwischen Deutschen und zugewanderten Muslimen ins Spiel: ein Land, das sich vom „Nicht-mehr-Glauben-wollen“ habe „verleiten“ lassen, werde nun mit einer neu zugewanderten Bevölkerungsgruppe konfrontiert, für die Religion keine Privatsache ist. Die Konflikte mit Menschen, die ihren Glauben noch nicht verloren haben und Religion durchaus als Teil ihres Alltags verstehen, sind in dieser Sicht nur eine Spätfolge der Säkularisierung. Der Bertelsmann Religionsmonitor 2017 kategorisiert 40 % der in Deutschland lebenden Muslime als „hochreligiös“, unter den Nichtmuslimen zählt er nur 16 Prozent. Lediglich fünf Prozent der Protestanten gehen regelmäßig sonntags in die Kirche, bei den Katholiken sind es zehn Prozent – der Anteil der regelmäßigen Moscheebesucher unter den Muslimen wird jedoch auf bis zu 14 % geschätzt. Wer glaubt, dass das „christliche Abendland“ bedroht wäre, tut also gut daran, statt Pegida-Demonstrationen öfters mal den Gottesdienst zu besuchen.

Schlüssel zum Dialog: das humanitäre Ethos

Khadija Alkhatib machte sieben Rundgespräche später nun einen Vorschlag, wie die Begegnung zwischen einheimischen Christen und zugewanderten Muslimen konkret aussehen kann: in der Besinnung auf das gemeinsame ethisch-humanistische Erbe. Religionen sind in dieser Sichtweise in erster Linie für die Begründung moralischer Normen zuständig: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, sagt die Bibel. „Wer satt zu Bett geht, während sein Nachbar hungert, ist nicht von uns“, wird Mohammed zitiert.
Diese Ansicht hat in Deutschland Verfassungsrang: da der freiheitlich-säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann (das sogenannte „Böckernförd’sche Diktum“), heißt es im ersten Satz des Grundgesetzes: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“.

Theologische Widerstände

Das Centro Islámico Rey Fahd in Buenos Aires, Argentinien [Autor: Jan Doria]

"Religion ist mehr als Weihnachtsbaum und Osterlamm, mehr als Opferfest und Zuckerfest, und das christliche Gottesbild von Vater, Sohn und Heiligem Geist ist mit dem muslimischen unvereinbar."

Doch welcher Gott ist hier gemeint? Die Behauptung, dass Christen und Muslime doch „irgendwie“ an den gleichen Gott glauben würden, dass gar „irgendwie“ alle Religionen gleich seien, greift zu kurz. Wir sollten uns vom „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht dazu verleiten lassen, zu ignorieren, was ebenfalls in der Bibel steht: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6) und „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern!“ (Mt 28,19). Jesus setzt das Gebot der Nächstenliebe in einen ganz klaren Zusammenhang zum Gebot der Gottesliebe, und der Mensch wird „allein aus Gnade gerecht“ (vgl. Röm 1,17).
Religion ist mehr also als Weihnachtsbaum und Osterlamm, mehr als Opferfest und Zuckerfest, und das christliche Gottesbild von Vater, Sohn und Heiligem Geist ist mit dem muslimischen unvereinbar: „Er ist Allah, ein Einer, er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden“, heißt es in der 112. Sure des Koran. Diese Unterschiede zu verleugnen würde bedeuten, die eigene kulturelle Identität zu verleugnen, und das ist genau das, wovor sich die Pegida-Anhänger fürchten. Wohl aber kann uns die Begegnung mit einer anderen Religion helfen, uns wieder unseren verlorenen Glauben zurückzubesinnen, wie es auch Stephan Theo Reichel formulierte.

Die Frage nach dem Terror

"Wenn wir in panischer Angst auf die wenigen Terroropfer pro Jahr schauen, denen 2017 fast 3.200 Verkehrstote gegenüberstanden, dann verhalten wir uns so wie die Tiere in George Orwells berühmter Fabel „Animal Farm“."

Warum ist der Islam so oft Thema in den Medien, warum ist das so? Selbstverständlich gehört zur Antwort auf diese Frage noch ein weiterer Aspekt: der islamische Terrorismus.
Wie sollte der Westen mit dem islamischen Terror umgehen? Mit Gelassenheit. Denn es ist genau die Strategie des Terrorismus, Angst zu schüren und Spaltung zu säen, so lange, bis die freiheitlich-demokratische Grundordnung an ihren eigenen inneren Widersprüchen zerbricht. Wenn wir in panischer Angst auf die wenigen Terroropfer pro Jahr schauen, denen 2017 fast 3.200 Verkehrstote gegenüberstanden, dann verhalten wir uns so wie die Tiere in George Orwells berühmter Fabel „Animal Farm“, die allzu oft als Streitschrift gegen den Stalinismus fehlverstanden wird. Dort errichten die Schweine nach und nach eine neue Diktatur auf ihrem Bauernhof, nachdem es ihnen gelungen war, die alte Terrorherrschaft des Bauern zu zerstören. Die Begründung, mit der die einst stolz gemeinsam beschlossene Charta der tierischen Freiheiten immer weiter eingeschränkt wird? „Es dient zu eurer Sicherheit“, rechtfertigen die Schweine ihre Privilegien gegen alle anderen Tiere auf dem Bauernhof, „denn wenn ihr uns nicht folgt, dann kommt der Bauer zurück“.

Ein Lösungsversuch: Hans Küngs „Weltethos“

Das Mosaik Papst Franziskus' in St. Paul vor den Mauern, Rom [Autor: Jan Doria]

Fest steht jedoch auch: Jeder Tote ist einer zu viel. Vielleicht hilft im interreligiösen Dialog daher ein Konzept, das in den 90er Jahren sehr populär war, bevor es unter den Trümmern von 9/11 begraben wurde: das „Weltethos“ des Tübinger Theologen Hans Küng. Keine neue Weltreligion, sondern ein Ethos. Jede Religion, so Küng, ist im 21. Jahrhundert aufgefordert, sich zu fragen, welche Beiträge sie zu einem allgemeinen, universellen Ethos der Menschheit beitragen kann, um einen „Krieg der Religionen“ zu verhindern. Küng verleugnet die Unterschiede zwischen den Religionen nicht und spricht ihnen dennoch einen einenden Wert in der heutigen Zeit zu. Wenn ein katholischer Papst, wie jüngst geschehen, in diesem Geist zum ersten Mal die arabische Halbinsel besucht, dann ist der erste Schritt zu einem neuen Miteinander schon getan. Es geht nicht darum, dass alle Muslime Christen werden müssen oder alle Christen Muslime. Es geht darum, „auf(zu)stehen, aufeinander zu(zu)gehen, voneinander (zu) lernen, miteinander umzugehen“. Und auch dieses Lied wurde gesungen in den Dillinger Grundschulen vor 15 Jahren.

Hinweis:

Die in diesem Essay geäußerten Positionen stellen nicht zwangsläufig die Meinung der Unterstützergruppe „Asyl/Migration Dillingen a.d.D.“ e. V. oder ihres Vorstandes dar.

Kontakt zum Autor: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Joomla templates by a4joomla