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Schokolade ist ein beispiel für unfairen Welthandel, die Ursache der Flüchtlingskrise. Verkauf von Ritter Sport in einem Supermarkt in Lima.

Fluchtursachen bekämpfen bedeutet mehr, als den Entwicklungshilfe-Etat zu erhöhen. Deutlich wird das am Beispiel einer handelsüblichen Tafel Schokolade. Ein Essay zu den Hintergründen der sogenannten Flüchtlingskrise VON JAN DORIA

Eine Tafel Ritter Sport liegt in einem Supermarkt in der peruanischen Hauptstadt Lima zum Verkauf. Der Besucher aus Deutschland fühlt sich glücklich, Erinnerungen an die Heimat kommen auf… Ritter Sport, ein deutsches Qualitätsprodukt, sogar hier am anderen Ende der Welt zu kriegen!
Doch halt! Ist nicht Perú eines der Heimatländer des Kakaobaums? Warum muss dieses Land dann seine Schokolade aus dem fernen Deutschland importieren? Warum steht hier keine einheimische, peruanische Schokolade zum Verkauf?
Die Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig die Antwort darauf, warum so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

Schokoladen-Exportweltmeister

In Deutschland werden pro Kopf und Jahr ca. 10 Kilo Schokolade konsumiert. In Perú sind ist es gerade mal ein halbes Kilo. Dafür produzierte das Land im Anbaujahr 2015/16 95.000 Tonnen Rohkakao. Deutschland importierte 2017 11.700 Tonnen aus Perú. Die EU als Ganzes ist für über die Hälfte aller Kakaoimporte weltweit verantwortlich. Der Kakao, Grundvoraussetzung für die Produktion der weltweit bekannten belgischen, schweizerischen oder auch deutschen Schokolade, wächst nicht in unserem Kontinent. Er erreicht uns als unverarbeitetes Rohprodukt, größtenteils aus der Elfenbeinküste in Afrika. Die fünf größten Kakaoverbraucher im Jahre 2014/15 können ihren eigenen Bedarf nur durch Importe decken: USA, Deutschland (350.000 Tonnen), Frankreich, Vereinigtes Königreich und Russland. Gleichzeitig ist die Liste der größten Schokoladeexporteure fast identisch: Deutschland mit über 761.000 Tonnen, gefolgt von Belgien, Niederlande, den USA und Kanada. Perú exportiert kein einziges Kilo Schokolade. Ritter Sport oder Milka kennt jeder. Wer kennt schon Schokoladenmarken aus Afrika?

Wo liegt das Problem?

Ein Kakaobauer in der Elfenbeinküste lebt von 50 US-Cent am Tag. [Quelle: flickr.com, Autor: Alexander Schimmeck, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0]

Schokolade ist ein Produkt, wie es typisch ist für die globale Arbeitsteilung: aus den Ländern des sogenannten „globalen Südens“ (Afrika und Südamerika) gelangen Rohstoffe zu billigen Preisen in den „globalen Norden“ (USA und Westeuropa). Wir verarbeiten sie zu hochwertigen Industrieprodukten (in diesem Fall Schokolade) und reexportieren sie für teures Geld in ebenjene Länder, aus denen die Rohstoffe stammen, und in denen es keine oder kaum einheimische Industrie gibt. Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt, das zusammenfassend zum deutschen Außenhandel mit Afrika schreibt: „Während die Importgüter aus Afrika zum größten Teil Rohstoffe umfassen, spiegeln die Exportwaren die weltweiten deutschen Warenausfuhren wider, mit Kraftwagen und Kraftwagenteilen an der Spitze, gefolgt von Maschinen und chemischen Erzeugnissen.“

Das klingt nach einer fairen Arbeitsteilung. Ist es aber nicht. Denn der größte Teil der Wertschöpfung findet in den Industriestaaten statt. Im Falle der Schokolade bedeutet das: 44,2 % des Verkaufspreises einer Tafel Schokolade gehen an den Einzelhandel (inkl. Steuern). 35,2 % gehen an den Hersteller. Nach Abzug von Transport, Lagerung und Zwischenhändlern bleiben sage und schreibe 6,2 % für den Bauern, der den Rohstoff Kakao produziert hat. Das bedeutet: enormer Reichtum im globalen Norden. Und enorme Armut im globalen Süden. Ein Kakaobauer in der Elfenbeinküste lebt von rund 0,5 US-Dollar am Tag. Die international akzeptierte Armutsgrenze liegt bei zwei US-Dollar.

Der Welthandel ist zum Vorteil des Westens

Seit der Eroberung Amerikas ab 1492 wird der Welthandel von den europäischen Mächten, später auch von den USA, so ausgestaltet, dass er zu ihrem Vorteil gereicht. Sogenannte „Entwicklungsländer“ bleiben abhängig von schwankenden Weltmarktpreisen, weil sie sich auf ein einziges Produkt konzentrieren, das sie viel zu billig ins Ausland verkaufen. Die deutsche Wirtschaft dagegen ist diversifiziert, und ihre hochtechnologischen Produkte verkaufen sich sehr teuer. Im Falle Perús gehen über die Hälfte aller Kakakoexporte in ein einziges europäisches Land: in die Niederlande. Sinkt dort die Nachfrage nach Schokolade, geht es den peruanischen Kakaobauern plötzlich schlechter – ohne schnell auf einen anderen Absatzmarkt ausweichen zu können.

Diese Handelsordnung wird festgeschrieben durch unfaire Handelsverträge. Die Abkommen der Europäischen Union mit den Staaten des afrikanischen Kontinents sehen eine Öffnung des afrikanischen Marktes für europäische Agrarprodukte vor – aber umgekehrt keine Öffnung des europäischen Marktes für afrikanische Produkte. Die von der EU subventionierten Lebensmittel zerstören in Afrika, dessen Wirtschaft weniger wettbewerbsfähig ist, dagegen den lokalen Binnenmarkt.

Die Reise der Tomate

Was das konkret heißt, lässt sich am Beispiel der Tomate verdeutlichen. Die EU subventioniert italienische Tomatenbauern, die daher mehr Tomaten produzieren, als die Italiener in ihre Pastasoßen rühren können. Also exportieren sie den Rest, vorzugsweise nach Afrika. In Afrika sind die subventionierten europäischen Tomaten billiger als die einheimischen. Afrikanische Tomatenbauern verkaufen daher weniger Gemüse und müssen Arbeitskräfte entlassen: Perspektivlosigkeit entsteht. Die entlassenen Tomatenpflücker des Kontinents machen sich dann auf den Weg nach Europa, denn dort gebe es Arbeit, heißt es. Gibt es: in den Plantagen der italienischen Tomatenfarmer.

Die Flüchtlingskrise ist keine Krise der Flüchtlinge, sondern unseres Wirtschaftssystems

Kolonialismus: Europäische Kolonien in Afrika vor Ausbruch des WK II. [Quelle: wikimedia.com, Lizenz: public domain]

Unser Reichtum basiert also auf der Ausbeutung des Reichtums anderer Länder. Auf dem Papier haben die europäischen Mächte schon lange keine nennenswerten Kolonien mehr. In der Wirtschaft dagegen bestehen die kolonialen Strukturen fort.

Das konnte uns lange Zeit egal sein, denn Afrika und Südamerika waren weit weg. Doch mit der zunehmenden Globalisierung wurden auch zwei wichtige Erfindungen der modernen Welt immer billiger und verbreiteten sich immer weiter: die Massenmedien und die Transportmittel. Vor 50 Jahren wusste ein arbeitsloser Ghanaer nicht, wohin der Reichtum seines Landes exportiert wurde, und er hätte auch nicht gewusst, wie er dort hinkommen sollte. Heute nimmt er sein Smartphone zur Hand, liest dort vom Wohlstand in Deutschland (ob das, was er liest, wahr ist, oder nicht, spielt keine Rolle), und macht sich auf den Weg.

Bisher haben wir dem globalen Süden seinen Anteil an den Reichtümern dieser Welt verweigert, oftmals mit Militärgewalt. Nun kommt er, um ihn sich selbst zu holen, auf der geographisch kürzesten Route: die Afrikaner nach Europa, die Latinos in die USA. Es ist wie beim Wetter: der Wind gleicht Druckunterschiede aus, vom Hoch zum Tief. In diesem Falle gleicht die Migration Reichtumsunterschiede aus: von Arm zu Reich.

Das Ende von 500 Jahre westlicher Vorherrschaft

Die „Flüchtlingskrise“ bedeutet laut Bernd Ulrich, Politikchef der ZEIT, das Ende von 500 Jahren ökonomischer und politischer Vorherrschaft des Westens auf dieser Erde. Vor 500 Jahren betrat Christoph Kolumbus zum ersten Mal amerikanischen Boden.
Seither waren die Warenströme einseitig, von Nord nach Süd: wir schickten unsere Kolonisatoren, um ferne Länder zu erobern. Wir schickten unsere Firmen, um deren Rohstoffe auszubeuten. Und wir schickten unsere Touristen, um sich an deren Naturschönheiten zu ergötzen. Nun kehrt sich die Bewegungsrichtung um.

Die Ignoranz der deutschen Politik gegenüber den Fluchtursachen

In der aktuellen Bundesregierung gibt es leider nur sehr wenige Politiker, welche die Tragweite dieser Entwicklung begreifen. Die deutsche Politik, aber auch die deutsche Bevölkerung, scheinen überfordert. „Fluchtursachen bekämpfen“ heißt vor diesem Hintergrund nämlich mehr, als nur das Entwicklungsbudget zu erhöhen. Es bedeutet, einem historischen Umbruch ins Auge zu sehen. Faire Freihandelsverträge für Afrika und Südamerika. Rohstoffabbau, von dem die eigene Bevölkerung profitiert und nicht nur das ausländische Kapital. Den Aufbau einer konkurrenzfähigen Wirtschaft im globalen Süden, ebenbürtig oder sogar besser als unsere. Und ja: es bedeutet auch, zu verzichten. Denn unseren Lebensstandard kann sich gerade so eine Milliarde Menschen leisten. Wenn es acht Milliarden sein sollen, benötigen wir drei Planeten.

Es bräuchte also visionäre Politiker vom Schlage eines Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Kohl, um diese Herausforderungen zu lösen. Es bräuchte Politiker, die den Mut haben, auch mal unpopuläre Meinungen zu vertreten. Und es bräuchte Wähler, die beim Anblick einer Tafel nicht nur daran denken, wie gut sie schmecken wird. Sondern auch daran, wer der Bauer war, der die Kakaobohne dafür vom Baume schnitt.

Hinweis

Die in diesem Essay geäußerten Positionen stellen nicht zwangsläufig die Meinung der Unterstützergruppe „Asyl/Migration Dillingen a.d.D.“ e. V. oder ihres Vorstandes dar.

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