Den meisten Menschen sind beim Wort „Flüchtlingskrise“ vor allem die Ereignisse im Herbst 2015 im Gedächtnis. Doch was nur wenige wissen: Flucht und Vertreibung gibt es leider, seit es Menschen gibt. Unsere Gruppe ist seit 2014 aktiv. Bereits mehrere Jahre vorher hatte sich abgezeichnet, dass Europa in der Zukunft mit einer ganz neuen Herausforderung würde umgehen müssen. Vor allem in Italien, aber auch in Griechenland und Malta landeten immer mehr Flüchtlinge. Diese Staaten waren überfordert. Die Bundesregierung verwies damals wie gelegentlich auch noch heute auf die Dublin-Regelung, wonach dasjenige EU-Land für das Asylverfahren zuständig ist, welches der Flüchtling zuerst betreten hat. Diese Regelung ist für den EU-Binnenstaat Deutschland von Vorteil.

 

Als einer der ersten überhaupt verschaffte der 2013 gewählte Papst Franziskus den Flüchtlingen öffentliche Aufmerksamkeit. Seine erste Auslandsreise führte ihn nach Lampedusa, wo kurz zuvor das erste große von vielen weiteren Bootsunglücken stattgefunden hatte. Zwei Überlebende dieses Unglücks gelangten später nach Dillingen. Ein Jahr darauf verkündete er im EU-Parlament, das Mittelmeer dürfe nicht zum Friedhof werden, und appellierte an die gemeinsame Verantwortung der gesamten Europäischen Union.

 

An der Basis formierten sich die ersten, noch losen, Flüchtlingshelfergruppen. Sie sprangen damals in eine Lücke, die der Staat hinterließ. Im Vordergrund steht die Nothilfe. Noch waren Deutschkurse nur für anerkannte Flüchtlinge zulässig. Der Staat war auf die Ehrenamtlichen angewiesen, es entstanden jedoch erste Konflikte. Die Ehrenamtlichen (so auch wir) warnten vor Überforderung.

 

Im Herbst 2015 brach das europäische Asylsystem zusammen. Die genauen Ereignisse sind umstritten, Tatsache ist: innerhalb kürzester Zeit kamen über die „Balkanroute“ um die 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland. Der Staat war auf diesen Ansturm nicht vorbereitet, das BAMF völlig überfordert. Erneut sprangen die Ehrenamtlichen ein. Gleichzeitig schlossen die Länder der Balkanroute ihre Grenzen, Ungarn baute einen Zaun. Noch herrschte in Deutschland eine Willkommenskultur. Gleichzeitig erlebte das Land eine enorme Polarisierung, die bis heute ihre Nachwirkungen zeigt: in pro und contra Flüchtlinge.

 

An der Basis fand, verstärkt durch die vielen neuen Helfer, die im Herbst 2015 dazukamen, eine Professionalisierung und Institutionalisierung statt. Die Flüchtlingshelfer vernetzten sich, betraten die öffentliche Sphäre und gaben sich feste Rechtsformen als eingetragene Vereine. Gleichzeitig erhielten sie zunehmend professionelle Unterstützung, insbesondere von den Kirchen. Der Staat verteilte zwar Ehrungen und Dankesurkunden, ließ die Helfer jedoch weiter meist allein.

 

Aus der ursprünglichen Nothilfe wurde langsam eine dauernde Hilfe. Die Themen Arbeit, Wohnung und Integration drängen sich in den Vordergrund. Viele Flüchtlinge sind nun anerkannt.

Gleichzeitig tritt eine Erschöpfung unter den Flüchtlingshelfern der Basis ein. Viele Ehrenamtliche geben auf, es kommen nur wenige Neue hinzu. Der „harte Kern“ bleibt jedoch erhalten.

 

Auf gesellschaftlicher Ebene schwindet der Rückhalt. Nach der Silvesternacht von Köln kippte die Stimmung. Ausländerfeindliche Parteien und Kräfte gewinnen an Stärke, die Ehrenamtlichen stehen unter Druck und erhalten teils persönliche Angriffe – auch hier in Dillingen. Der Staat führte die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen mit „guter“ und „weniger guter“ Bleibeperspektive ein. Es folgen mehrere, teils überhastete, Reformen am Asylrecht.

 

Bedingt durch den Druck von Rechts und die restriktive Reaktion der Politik politisierten sich auch die Flüchtlingshelferkreise. Eine überregionale Zusammenarbeit in verschiedenen Organisationen begann. So ist unsere Gruppe inzwischen Mitglied bei unserVeto, bei matteo, bei ProAsyl und auch beim Bayerischen Flüchtlingsrat. Die Kirchen solidarisierten sich mit den Flüchtlingshelfern. Die Helferkreise meldeten sich in Form von Protestbriefen, Demonstrationen und weiteren Aktionen verstärkt zu Wort. Insbesondere in Bayern begann ein langer, mühseliger und immer noch nicht abgeschlossener Kampf gegen die Willkür der bayerischen Asylbürokratie. Die Anerkennungspraxis wurde insgesamt restriktiver, Flüchtlinge, nicht nur Straftäter, werden jetzt auch nach Afghanistan abgeschoben.

 

Das BAMF schaffte es durch Personalneueinstellungen, den Asylantragsstau abzubauen, allerdings manchmal auch zu Lasten der Qualität. Viele Flüchtlinge sind jetzt anerkannt und stehen in Arbeit oder Ausbildung. Nach wie vor sind die Verwaltungsgerichte durch die Klagen der Flüchtlinge gegen Bescheide stark in Anspruch genommen, sodass Entscheidungen teilweise immer noch Jahre auf sich warten lassen.

 

Die Corona-Pandemie (ab März 2020) bedeutet für die etablierten Strukturen der Flüchtlingshilfe einen gewaltigen Rückschlag, und das gleich im doppelten Sinne.

Auf der einen Seite trifft sie die Helfer: Bei den Ehrenamtlichen gehören zahlreiche Unterstützer der Hauptrisikogruppe an und mussten ihr Engagement teilweise komplett einstellen. Außerdem verhindern die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, dass wir weiterhin die so dringend notwendigen Orte der Begegnung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen wie das Interkulturelle Essen, aber auch das Rundgespräch, weiter durchführen. Begegnung lässt sich eben nicht vollständig in den digitalen Raum übertragen.

Bei den Hauptamtlichen reagieren staatliche und nicht-staatliche Stellen aufgrund der hohen Kosten der Pandemiebekämpfung mittlerweile mit Mittelkürzungen und Sparprogrammen. Die langfristigen Folgeschäden von eingestellten Integrationsmaßnahmen werden jedoch viel höher sein als die jetzt eingesparten Gelder.

Auf der anderen Seite trifft sie die Flüchtlinge selbst: Sie gehören zur Hochrisikogruppe des Vergessen-Werdens von der Corona-Politik.

Das betrifft zum einen die Unterbringung in Massenunterkünften auf engstem Raum und unter schwierigsten hygienischen Bedingungen, die wir bereits vor Corona scharf kritisiert hatten. Trotz mehrfacher bayernweiter Appelle hielt es die Politik bisher nicht für notwendig, die Infektionszahlen unter diesen Gruppen zu senken.

Zum anderen betrifft das die zahlreichen Hilfs- und Förderprogramme, bei denen die Flüchtlinge durchs Raster fallen. Homeschooling ist unter den Bedingungen der engen Asylunterkünfte faktisch unmöglich. Es fehlt an stabilen Internet-Anschlüssen und entsprechender Hardware. Die soziale Isolierung droht, sämtliche Fortschritte bei der Integration zunichte zu machen. Wenn Kinder nicht mehr in die Schule gehen dürfen, verlieren sie den Anschluss zu Gleichaltrigen, vor allem in der Sprache. In den Familien wird nur noch die Muttersprache gesprochen. Gleichzeitig unternimmt die Politik nichts, um diese besonders von den Corona-Maßnahmen betroffenen Familien zu unterstützen. So wurden sie beispielsweise vom „Corona-Kindergeldbonus“ nahezu vollständig ausgeschlossen. Einmal mehr sind es die Ehrenamtlichen, die in die Lücke springen, die der Staat hinterlässt, und nach ihren Möglichkeiten versuchen, den Kontakt über digitale Kanäle nicht abreißen zu lassen.

Fazit: Die Corona-Maßnahmen haben ihren Preis, und einen großen Teil dieses Preises zahlen die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Das sind in erster Linie auch die Flüchtlinge.

 

Die Zukunft ist daher ungewisser denn je. An der Basis werden wohl Ehrenamtliche verstärkt durch Hauptamtliche abgelöst werden, sobald die Mittel dafür wieder bereitgestellt werden. Die neu angekommenen Flüchtlinge werden ihren langen Weg in Richtung Integration weitergehen – teils mit Rückschlägen, die meisten aber erfolgreich. Die europäische Union hat immer noch kein einheitliches Asylsystem. Die Krisen und Konfliktherde an ihren Grenzen – Syrien, Nordafrika, die Türkei und inzwischen auch den Kanaren– brennen weiter. Wir wagen keine Prognose, was passiert, wenn sich von dort wieder Millionen Menschen auf den Weg machen.

 

Auf außenpolitischer Ebene versuchen die Verantwortlichen, eine Wiederholung des Traumas von 2015 zu verhindern. Dies geschieht auch, indem man Zustände hinnimmt, wie sie in den Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas herrschen oder das Ertrinken auf dem Mittelmeer zulässt, um abzuschrecken. In Deutschland gibt es nur wenige Politiker, die sich öffentlich anders äußern. Einer der wenigen ist der Entwicklungshilfeminister Gerd Müller [1] oder Gerald Knaus, Gründungsdirektor der Denkfabrik European Stability Initiative (ESI) [2], ein international anerkannter Fachmann für Fragen der Migration.

 

[1] Gerd Müller: Umdenken Überlebensfragen der Menschheit – Murmann - ISBN 978-3-86774-649-6

[2] Gerald Knaus: Welche Grenzen brauch wir? Piper-Verlag - EAN 978-3-492-05988-6

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