Ein Essay zum 5. Sprachtreff am 21. Februar 2017 von Jan Doria

Mama hat gesagt, heute gehen wir Kaffee trinken. Zum Sprachtreff. Das ist normalerweise immer langweilig. Da treffen sich die Erwachsenen und reden nur rum. Aber heute war ein Zauberer dar. Ja, ein echter Zauberer! Das war echt lustig. Zuerst hat er einen Zauberstab gesucht. Er hat eine Klobürste genommen und gesagt, diese Zahnbürste ist sein Zauberstab. Alle Kinder haben geschrien: Nein, das ist doch eine Klobürste! Keine Zahnbürste und auch kein Zauberstab! Das weiß ich doch. Mit der Klobürste putzt man in Deutschland das Klo, und mit der Zahnbürste die Zähne. Und dann...

Kann es etwas Schöneres geben als das Lachen eines Kindes? Kann es etwas Schöneres geben als Kinder, die vor Freude die Finger in die Luft strecken, weil sie noch einen Zaubertrick sehen wollen und noch einen und noch einen?

Diese „Gedanken eines Flüchtlingskindes“ waren frei erfunden, doch so oder ähnlich hätten sie aussehen können, am 21. Februar 2017 beim 5. Sprachtreff im Dillinger Chili. Die Freude war den Kindern ins Gesicht geschrieben. Für einen kleinen Moment wechselte da die Perspektive: weg von den Gedanken an die traumatischen Erlebnisse auf der Flucht, das kalte, dunkle Wasser des Meeres, die peitschende Gischt, das dröhnende Horn des Rettungsbootes, dass sie herausfischen musste aus dem Sturm überm Wasser... weg von der Sorge um die Verwandten und Freunde, die zurückgeblieben sind, in Krieg, Hunger, Armut und Tod. Und weg von der Sorge um die Zukunft: um Mama und Papa, die vielleicht nicht in Deutschland bleiben dürfen, die vielleicht keine Arbeit finden, die vielleicht...
Was ist dagegen ein Moment der Freude und des Lachens? Die US-amerikanische Verfassung nennt es: das Streben nach Glück.

Der Perspektivenwechsel, das ist es, worauf es uns als Unterstützergruppe ankommt beim Sprachtreff. Nicht nur bei den Asylbewerbern und ihren Kindern, die einen Moment der Freude erleben dürfen und mit dem Fasching nach dem Advent beim 4. Sprachtreff nun eine weitere deutsche Tradition kennengelernt haben. Sondern ganz besonders auch bei den Deutschen selbst, die sie begleiten, mit ihnen in Kontakt treten, über den Tellerrand hinausblicken. Am Ende zählten wir rund 150 Teilnehmer, die im Chili die Showeinlage des kleinen Hofstaats der „Dillinger Finken“ genossen, Karl dem „Zau-BÄR-er“ zusahen, der sein Programm extra an die Flüchtlingskinder angepasst hatte, und sich im Anschluss an Krapfen, Kuchen und Süßigkeiten aus Deutschland und den Herkunftsländern der Flüchtlinge guttaten.

Eine Rekordteilnehmerzahl, doch leider scheint dieses Angebot, einmal die Gesichter hinter den Nachrichten kennenzulernen, in der Zivilbevölkerung noch nicht ganz angekommen zu sein: die anwesenden deutschen Gäste bestanden fast ausschließlich aus Helfern unserer Gruppe. Dabei wäre dies eine weitere Gelegenheit gewesen, einmal die Perspektive zu wechseln. Dillingens OB Frank Kunz machte es vor: Beim Sprachtreff nahm er sich Zeit, um zuerst der Zaubershow beizuwohnen und dann mit einigen Flüchtlingen ganz persönlich in Kontakt zu treten. Um sich einfach mal anzuhören, was diese erzählen: Geschichten vom Streben nach Glück.

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