von Jan Doria

Noch drei Stunden bis Mitternacht. Eine Handvoll Feierlustiger zieht durch die leeren Straßen von Basel, auf dem Weg zu irgendeiner Silvesterparty. Sie sind als Piraten verkleidet. Aus einem Lautsprecher schüttelreimt es: „Hey, Piraten, aufgepasst / jetzt beginnt der große Spaß!“
Ich komme ihnen entgegen. Ich bin auf dem Weg zu einer Kirche, wo ich den Jahreswechsel verbringen werde. Um Punkt Mitternacht werden wir dort singen: „Jésus, le Christe, lumière interieure, donne-moi d’accueilir ton amour“ – „Jesus, der Christus, inneres Licht, gib mir deine Liebe zu empfangen“.
Die europäischen Jugendtreffen von Taizé, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfinden, sind ein bewusstes Gegenprogramm zu einem Neujahrsfest, bei dem laut ZDF heuer wieder über 130 Millionen Euro für Feuerwerk sinnlos verballert wurden. Rund 16.000 Jugendliche aus ganz Europa verbrachten dagegen die letzten fünf Tage des Jahres in Gebet und Stille.

 

Meine Gedanken schweifen zurück an den letzten gemeinsamen Taizé-Gottesdienst dieses Treffens. Erst zwei Stunden liegt er zurück. Während ich schweigend meinen Weg durch die Nacht fortsetze, denke ich an die Predigt von Frère Alois, dem Prior von Taizé. Sie war mutig:

„Die erste Herausforderung besteht darin, dass unzählige Männer, Frauen und Kinder überall auf der Welt gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Manchmal sind es Krieg und herrschende Unsicherheit, extreme Armut und ein Fehlen jeglicher Perspektiven für die Zukunft oder auch klimatische Veränderungen. Diese Menschen sind in ihrer Not auf Solidarität angewiesen. Und sie werden dadurch manchmal zu Freunden. Es ist, als ob Christus uns einlädt, über unsere Ängste und Vorurteile hinauszugehen; so als ob er uns sagt: „Ich bin der Hirte aller Menschen. Ich bin auch für sie gestorben – ob sie Christen sind oder nicht. Du kannst also auch zu ihrem Freund werden.“

Man muss dazu wissen, dass sich unter den ca. 800 Jugendlichen, die diese Worte in der Basler St. Jakobshalle hörten, einige Tausend aus Osteuropa befanden: aus Polen, Ungarn, der Tschechei. Vor diesem Publikum – und vor zahlreichen Honoratioren der Stadt Basel – eine humane Flüchtlingspolitik zu fordern, ist beachtenswert. „Gehen wir auf die zu, die am schwächsten sind!“

Doch Frère Alois fordert nicht nur die Regierungen Europas heraus, sondern auch mich selbst: „Suchen wir das Gespräch mit denen, die anders denken als wir!“.
2017 haben wir ein Jahr der gespaltenen Gesellschaften erlebt. Die Ereignisse von vor zwei Jahren haben unser Land und unseren Kontinent in zwei Hälften gespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen: in diejenigen, die für Flüchtlinge sind, und diejenigen, die dagegen sind. Seither erhalten wir regelmäßig Hassbriefe, per Post und per E-Mail. Es sind Menschen, die manchmal sehr harte Worte wählen, und die doch ein ernstes Anliegen haben. Hören wir ihnen zu?

Wenn Jesus der Hirte aller Menschen ist: was ist dann mit denen, die sich in einer Kirche, die sich den Flüchtlingen zuwendet, nicht mehr willkommen fühlen? Wenn wir Brücken zu Andersdenkenden bauen sollen: wo sind dann unsere Brücken zu denjenigen, die uns verachten? Wenn Jesus uns auffordert, nicht nur unseren Nächsten, sondern auch unsere Feinde zu lieben: sind dann nicht auch die Flüchtlingsgegner unsere Nächsten?

Flüchtlingen zu helfen, fällt uns leicht, doch mit Menschen umzugehen, die eine andere Meinung haben als wir, fällt uns schwer. Vielleicht sollten wir uns von diesem Schwarz-Weiß-Schema verabschieden: alle Flüchtlingshelfer sind gut, alle Flüchtlingsgegner sind schlecht. Wir sind moralisch im Recht, die anderen moralisch im Unrecht. „Überwinden wir bei uns zu Hause das, was uns von anderen trennt!“, sagte Frère Alois. Kann es sein, dass er nicht nur die Menschen meint, die aus Afrika und dem Nahen Osten zu uns kommen – sondern auch unsere vernachlässigten Nachbarn, die sich alleingelassen fühlen? Kann es sein, dass wir Brücken zu Somaliern, Eritreern und Syrern bauen, aber gleichzeitig die Brücken zu Dillingern, Steinheimern und Hausenern einreißen?

Das neue Jahr 2018 hat begonnen, und auf den europäischen Jugendtreffen von Taizé beginnt es immer mit einem „Fest der Nationen“, bei dem jedes Land, aus dem Jugendliche in der lokalen Gastkirchengemeinde untergekommen sind, eine kleine Vorstellung seiner Kultur geben darf. Die Vielfalt unserer Traditionen spaltet uns nicht, sie eint uns, sagt zu Beginn des Festes der Älteste der kleinen Kirchgemeinde Birsfelden, in der ich unterkam. Sie liegt rund zehn Minuten Fußweg von der deutschen Grenze entfernt. Wir Deutschen hatten uns lange überlegt, was wir vorstellen könnten. Dann entschieden wir uns für Dietrich Bonhoeffers altbekanntes Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Die vorherigen Lieder waren alle fröhlich, heiter, in Feierstimmung. Ich zweifle zuerst, ob unser Lied zu dieser Atmosphäre passt. Doch wir sind als letztes dran. Nach dem Lied kommt der Gemeindeälteste auf mich zu: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das habe wunderbar gepasst.

Hinweis:

Dieser Essay ist eine persönliche Meinungsäußerung des Autors. Er entspricht daher nicht zwangsläufig der Meinung der Unterstützergruppe „Asyl/Migration Dillingen/Donau“ e.V. als Ganzes oder der ihres Vorstandes.

Mehr Informationen zum 40. Europäischen Jugendtreffen von Taizé in Basel finden Sie unter: http://www.taize.fr/de_article23169.html. Dort findet sich auch der Originalwortlaut der Predigt von Frère Alois.

Kontakt zum Autor: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Joomla templates by a4joomla